Einer der großen Kritikpunkte an dem LEGO Powered Up System, das Control+ und Boost umfasst, ist die Langlebigkeit. Der Argumentation folgend ist es nicht sicher, ob man seine Powered Up Geräte noch in zehn Jahren nutzen kann, da man auf eine App angewiesen ist. Für diese gibt es bis auf die Aussage in einem der Interviews, dass das System mindestens bis 2027 laufen soll, keinen offiziellen „Gewährleistungszeitraum“ für Updates und keine „Versprechen“. Außerdem bekommt man die App auf offiziellem Wege nur über die App-Stores der großen Firmen. Einzelne ausführbare Dateien wie eine APK für Android oder gar der Quellcode stehen nicht öffentlich zur Verfügung.
Ein alarmierendes Beispiel für Software, die nicht weiter gepflegt wird und aus dem Store entfernt wurde, ist die LEGO Boost App für Windows 10. Obwohl das Produkt weiterhin verkauft wird und die Apps für Android und iOS weiterhin gepflegt werden, wurde die Entwicklung der Windows-Version Anfang des Jahres eingestellt. Die Möglichkeit die App aus dem Store herunterzuladen wurde entfernt und die Anschlussbelegung am Hub ist unter der aktuellen Hub-Firmware nicht mehr korrekt. Es gibt also Probleme, wenn man die App ohne Updates heute noch nutzen möchte.
Verstärkt wird die Kritik dadurch, dass es zwar eine Fernbedienung gibt, diese aber bei weitem nicht in jedem Set enthalten ist und auch nicht ermöglicht, die Motoren so wie benötigt einzustellen. Zum Beispiel geht die Steuerung der Technic-Motoren als Servo, so wie es für viele Modelle der Control+- Reihe notwendig ist, nicht direkt über die Fernbedienung.
An dieser Stelle muss ich allerdings noch klarstellen, dass ich kein Hellseher bin. Ich versuche aufgrund der Lage in der Vergangenheit und der Gegenwart mögliche Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Dabei handelt es sich letztenendes jedoch weiterhin nur um begründete Vermutungen.
Ein Blick in die Vergangenheit
LEGO Powered Up ist nicht das erste LEGO-Produkt, für das eine Software elementar ist. Diesen „Softwarezwang“ gibt es seit Beginn der Mindstorms-Reihe, die mit einem über einen Infrarot-Tower angesteuerten RCX ihr Debüt feierte. Nach kleineren Ablegern folgte der NXT, der USB und Bluetooth unterstützt. Wie sieht es bei beiden Computern aus, wenn man sie heute noch nutzen möchte?
Infrarot hat sich nicht durchgesetzt
Die Achillessehne des RCX‘ sind nicht die unterschiedlichen Programmierumgebungen, von denen es für die Meisten wenn nicht sogar für alle Patches gibt, sodass sie zumindest im Kompatibilitätsmodus von Windows ausführbar sein sollten. Das richtige Problem ist der Infrarottower für den Computer, der zum Herunterladen der Programme genutzt wird.
Es gibt davon zwei Ausführungen. Die Erste, die einen heute nicht mehr üblichen seriellen Anschluss nutzt, lässt sich mit einem USB-Adapter weiterhin relativ problemlos nutzen. Anders sieht es mit der zweiten Variante, dem USB-Tower, aus. Dabei könnte man in Anbetracht dessen, dass er den nach wie vor genutzten USB-Anschluss nutzt, etwas anderes denken.
Der Windows-Treiber von LEGO ist auf 16-Bit Basis geschrieben und aktuelle 64-Bit Betriebssysteme von Microsoft sind damit nicht mehr kompatibel. Hier muss man entweder zu dem Linux- Betriebssystem greifen, für das es einen funktionierenden Treiber gibt, oder eingeschränkte Workarounds für neuere Windows-Betriebssysteme nutzen. So gibt es zum Beispiel ein Projekt, um den USB-Tower durch einen Arduino Yun zu ersetzen. Außerdem gibt es speziell für die Software Robolab einen Treiber, der mit 64-Bit Systemen funktioniert.
Standards haben Vorteile
Für einen richtig weitreichenden Blick für den NXT ist das System nicht alt genug. 64-Bit Windowsversionen sind mit den 32-Bit Treibern und der Software des NXTs kompatibel.

Links: ein Bluetooth-Dongle, wie er von LEGO selbst für den NXT verkauft wurde. Rechts: ein mit LEGO Powered Up kompatibler BLE-fähiger Dongle.
Dadurch, dass der NXT kein eigenes Infrarot Protokoll mehr nutzt, sondern den Industriestandard Bluetooth, ist man nicht an einen proprietären Adapter von LEGO gebunden. Man kann jeden normalen Bluetooth USB-Dongle nutzen. Zusätzlich gibt es in dem Google Playstore mehrere Apps, um den NXT fernzusteuern. Dies wird dadurch ermöglicht, dass fast alle Smartphones den Bluetooth- Standard nutzen und dadurch, dass es eine offizielle Dokumentation zu dem vom NXT genutzten Protokoll gibt.
Was daraus folgt
Bisher war es immer hilfreich, wenn LEGO auf populäre oder offene Standards gesetzt hat. Dadurch, dass die Befehle zumindest teilweise dokumentiert wurden, ist es noch heute möglich mit aktuellen Smartphones den LEGO Mindstorms NXT zu steuern. Für den RCX sind einige umständliche Umwege nötig, aber unmöglich ist es auch nicht.
Gibt es eine Community für LEGO Powered Up?
Das “Wireless Protocol“ vom Powered Up System hat LEGO bereits vor zwei Jahren veröffentlicht und nutzt eine normale Bluetooth Low Energy-Verbindung, wie die meisten aktuellen Smartphones sie unterstützen. Dem folgend sind viele Projekte aus der Community entstanden. Es gibt neben Bibliotheken für Programmiersprachen auch einige Lösungen für die Endnutzer.

Das Brick Automation Project ist für die Steuerung von Zügen und Eisenbahnlayouts zugeschnitten und unterstützt mit einem BLE-Dongle, der das schafft, gleichzeitig über 10 LEGO Hubs. Neben der direkten Ansteuerung der Züge bietet die App Automatisierungsoptionen. Ein Wehrmutstropfen ist hier, dass die Weiterentwicklung eingestellt wurde. Außerdem läuft die Anwendung nur mit dem Betriebssystem Windows 10.

Einer klassischen Steuerung mit einer Fernbedienung kommt wohl die Brick Controller 2 App für Android und iOS am Nächsten. Sie ermöglicht es, Profile für Videospiel-Gamepads, die mit dem Handy verbunden sind, zu erstellen. Durch diese Profile lässt sich u.a. die Powered Up Hardware ansteuern. Kurz gefasst kann man also über das Handy seine LEGO Powered Up Sets mit einem Gamepad für Videospiele steuern. Unterstützt werden neben Gamepads, die auf Smartphones zugeschnitten sind, auch gewöhnliche Controller wie zum Beispiel solche für die Playstation 4 und die Xbox One S/X.
Sogar Hersteller von mit LEGO kompatibler Hardware wie Buwizz oder SBrick arbeiten daran, die Powered Up-Hardware mit den eigenen Apps ansteuern zu können.

Einen etwas anderen Ansatz nutzt Pybricks. Es handelt sich um einen Ersatz der Firmware des Bluetooth Hubs, auf der dauerhaft ein Programm gespeichert werden kann. Wenn man damit heute ein Programm auf dem Hub speichert, wird das dort vermutlich auch noch in zehn Jahren sein.
Zurück zur ursprünglichen Frage
Es wird noch in vielen Jahren die Möglichkeit geben, LEGO Powered Up zu verwenden. Das ist allein durch die unglaubliche Anzahl von Geräten gegeben, die schon heute die App unterstützen. Die verschwinden ja nicht. Die größere Frage ist, in welcher Form diese Ansteuerung dann ablaufen wird.
Der Punkt, unter dem ich die meisten Bedenken habe, ist eine auf die entsprechenden Sets zugeschnittene Lösung. Bisher benötigen die meisten Alternativen zur offiziellen App eine gewisse Konfiguration und bieten keine auf fertige Sets zugeschnittenen Profile. Darauf, dass es die offizielle App mit allen Fernsteuerungsprofilen und Programmieroptionen für alle Sets noch in der Zukunft geben wird, würde ich nicht vollständig vertrauen.






