Mit dem Ende des LEGO Mindstorms Roboter Erfinders hat LEGO ein unausgesprochenes Versprechen gebrochen. Die neuste Generation von Mindstorms, der Produktreihe, die seit 1998 einen Produkttournus von ungefähr 7 Jahren hat, wird nach nur 2 Jahren auf dem Markt eingestellt. Die Lage ist in diesem Fall besonders prekär, weil Mindstorms als Kombination von LEGO mit programmierbaren Bausteinen auf eine kontinuierliche Updates für die LEGO Apps angewiesen ist.
Für andere Themenwelten ist das Thema ebenso von steigender Relevanz: die Technic-Sets mit Control+ sind von offizieller Seite zwingend auf die gleichnamige App zum Steuern der Modelle angewiesen. Ohne LEGO Apps sind die ferngesteuerten Modelle nicht steuerbar. Einige Sets bieten mit den dazugehörigen LEGO Apps zusätzliche Funktionen und bei neuen Mario-Ergänzungssets benötigt der Mario-Hub eine Verbindung zu der App, um die neuen Spielmechanismen nutzen zu können. Selbst in der Duplo-Reihe gibt es inzwischen einen digitalen Zug, der mit einer App interagieren kann.
In unserer Rubrik „Am Stein der Zeit“ stellen PROMOBRICKS Redakteure ihre eigene Meinung zu aktuellen Themen aus der LEGO Welt dar. Gerne seid auch ihr dazu eingeladen, uns eure Sicht auf die Dinge im Kommentarbereich unter diesem Artikel zu schildern. Wenn ihr eine Idee für ein weiteres Thema habt, schreibt uns gerne über das Team-Postfach an.
Was ist Powered Up überhaupt?
Beflügelt wird die häufige App-Unterstützung durch die Einführung des Powered Up-Systems, mit dem LEGO seit der Einführung von WeDo 2.0 in der Education-Sparte im Jahr 2016 vermehrt die Bausteine mit einer digitalen Spielerfahrung verknüpft. So ist der Fokus von Mindstorms als das einzige programmierbare LEGO-Set zu einer ganzen Reihe von per App steuerbaren und programmierbaren Spielzeugen gewandert.

In den letzten Jahren sind zahlreiche weitere Produktreihen hinzugekommen, die die Technik nutzen aber unter anderen Namen verkauft werden. Neben Powered Up gibt es für LEGO Technic-Fahrzeuge Control+, die Boost-Robotiksets, die schon erwähnten Hubs in der Mario-Themenwelt, Duplo Züge, den LEGO Mindstorms Roboter Erfinder und für Bildungseinrichtungen SPIKE Prime und SPIKE Essential.
Entgegen der Meinung einiger LEGO Enthusiasten sehe ich die Kombination von LEGO mit digitalem als grundsätzlich nichts schlechtes an. Neben einem möglichen Lerneffekt, den Kinder und AFOLs dank der Produkte erzielen können, kann die Theorie aus dem Informatikunterricht mit praktischen Anwendungen kombiniert werden. Außerdem vervielfachen sich die Möglichkeiten, die mit LEGO möglich sind, wenn man durch die Programmierung in LEGO Apps eine weitere kreative Ebene hinzuziehen kann.
Aus einem Kran mit Zahnrädern wird ein vollautomatischer Kran, der selbstständig Teile sortieren kann. Es geht in diesem Artikel nicht um die negativen Effekte von der Kombination eines „analogen“ Spielzeugs mit der digitalen Welt, sondern um die Probleme, die sich mit der aktuellen Umsetzung aus der resultierenden Digitalisierung ergeben.
Die ersten LEGO Apps werden eingestellt
Da wir uns nun ungefähr in der Mitte der Lebenszeit von Powered Up befinden, halte ich es für einen guten Zeitpunkt, ein Zwischenfazit zu ziehen. Das erste Produkt, das größtenteils den Powered Up-Spezifikationen folgt, ist das WeDo 2-Set. Es nutzt bereits den Anschluss und außerdem den heute in fast allen elektrischen Sets genutzten BLE-Standard, um mit einem Smartdevice zu interagieren. Der Powered Up Stecker wird wohl bis mindestens 2028 in Produktion bleiben, zumindest wenn man den Angaben zum Raspberry Pi Build Hat glauben kann.
Ein weiterer Aspekt, der das Thema aktuell relevant macht, ist, dass die ersten Produkte aus der Reihe inzwischen eingestellt wurden und man dadurch einen ersten Ausblick bekommt. Neben dem bereits erwähnten Mindstorms-Set wurde die Produktion des LEGO Star Wars Boost Droid Commander-Sets bereits Ende 2020 gestoppt und die Funktionalität soll nun in die Powered Up App überführt werden. Das Ende des normalen Boost-Sets folgte Ende letzten Jahres und auch diese App wird vermutlich in 2 Jahren eingestellt.
Beispiel: Boost Droid Commander App
Bleiben wir bei dem Beispiel des LEGO Boost Droid Commanders. Die Information, dass die Funktionalität von der eigenen App in die Powered Up App überführt werden soll, bekommt man bei anerkannten Fanmedien und in der App selbst. Informiert man sich über das Set auf der LEGO-Website, so findet man keine Informationen dazu. Weder auf der Shop-Seite, noch auf der dort verlinkten Seite für Gerätekompatibilität. Da die App Anfang des Jahres aus den gängigen Appstores entfernt wurde, findet man anscheinend keinen offiziellen Verweis mehr darauf, dass man nun die Powered Up App nutzen soll.
Die auf das Produkt zugeschnittene App kann nur noch mit Accounts auf Geräte heruntergeladen werden, die die App bereits verknüpft haben. Eine neue Verknüpfung, zum Beispiel wenn man das Set gebraucht kauft, ist auf offiziellem Wege nicht möglich.

Allerdings lässt auch in der Powered Up App die Implementation des Sets viel Raum nach oben. Bisher gibt es eine Oberfläche zum Fernsteuern von dem in dem Set enthaltenen R2D2, bei der es einen Button für den Wechsel in die Programmierumgebung gibt, der mit „Coming soon“ beschrieben ist. Die restlichen beiden Modelle aus dem Set sind auf dem Icon nur als Schatten abgebildet und es scheint keine Steuerungsmöglichkeit für sie zu geben.


Von den sonstigen Funktionen der Boost Star Wars-App, also den interaktiven Missionen und der damals stolz beworbenen 3D-Bauanleitung, fehlt jede Spur. Möchte man das Set in Zukunft zusammenbauen, dann muss man auf die PDF-Bauanleitung von der LEGO-Website zurückgreifen – nur, dass die weder in der Boost Star Wars App, noch in der Powered Up App beworben wird. Potentielle Kunden wissen möglicherweise gar nicht davon. Bisher ist die Überführung von der eigenen Boost Star Wars-App in die Powered Up App ein absolutes Durcheinander, bei dem der Großteil der Funktionen, mit denen das Set beworben wurde, verloren geht.
Beispiel: Mindstorms EV3 LEGO Apps
Ein weiteres Beispiel gibt es bei dem LEGO Mindstorms EV3. Als die damalige App aufgrund von technischen Änderungen bei MacOS nicht mehr kompatibel war, wurde eine neue Software entwickelt. Nun wird die neue Software als die aktuelle Software von LEGO empfohlen und auf der Downloadseite verlinkt.

Im Gegensatz zu der Schulversion der Software, von welcher es eine installierbare Datei für einige Systeme gibt, wurde die Version für normale Kunden, die zum Beispiel die Bauanleitungen für das normale Set enthält, nur in den entsprechenden Appstores veröffentlicht. Nun, ein paar Jahre später, führen die Links auf der Website von LEGO zu leeren Seiten im Appstore. Die LEGO Apps lassen sich, zum Leid der Kunden, nicht einfach wieder installieren. In den entsprechenden Appstores lässt sie sich nicht mehr finden. Kurioserweise ist die Education-Edition der gleichen Software weiterhin verfügbar.

Davon abgesehen unterstützt die neue App nur einen Bruchteil der eigentlichen Funktionen. Die Sensoren des Vorgängermodells LEGO Mindstorms NXT, die mit der alten App kompatibel waren, können in der neuen App nicht mehr genutzt werden. Selbiges gilt für Sensoren von Drittherstellern, den offiziellen Temperatursensor sowie das Energiemeter aus der Education-Sparte. Produkte, die eigentlich mit dem EV3 kompatibel sind und als solche beworben und verkauft wurden. Ebenso fehlt zum Beispiel die Datalogging-Funktion zum Erfassen von Messwerten. Die Schulversion der ersten EV3 Software unterstützt diese Funktion.
Es gab zusammenfassend zumindest den Versuch, eine zukunftsfähige App zu entwickeln. Leider hat dieser Versuch nicht mal ausgereicht, um die eigenen Sensoren, also die eigene Hardware vollständig zu unterstützen; geschweige denn alle Funktionen oder die Sensoren von Drittherstellern. Außerdem ist nur noch eine von zwei neuen LEGO Apps noch verfügbar.
Beispiel: WeDo 2.0
Ein etwas erfreulicheres Beispiel gibt es mit WeDo 2.0 aus der LEGO Education-Reihe. Obwohl das Produkt inzwischen durch SPIKE Essential ersetzt wurde, ist die App weiterhin in den Appstores verfügbar. Ebenso gibt es weiterhin eine Downloadseite, auf der die Anwendung als installierbare Datei heruntergeladen werden kann. Selbst, wenn die Anwendung aus den Appstores entfernt wird, ist die Installation auf Computern weiterhin möglich. Über die Gründe, weshalb das für Education-Produkte möglich ist aber bei Programmen für normale Kunden nicht, kann man nur spekulieren. Vielleicht möchte LEGO sich Bildungseinrichtungen als Zielgruppe nicht vergraulen.
Was das für andere Sets bedeutet
Abseits von den Produkten, die Bildungseinrichtungen als Zielgruppe haben, sieht es mit der Zukunftssicherheit von den aktuellen Produkten ziemlich mau aus. Seien es Anwendungen, die für die Nutzung der Sets nötig sind und mal mit und mal ohne Ankündigung aus den Stores entfernt werden. Oder seien es Apps, die nach Einstellung mit einem minimalistischen Funktionsumfang in andere Apps überführt werden. Diese „egal“-Einstellung widerspricht zumindest in der Mindstorms-Sparte dem bisherigen Verhalten von LEGO gegenüber älterer Software.
Aufgrund des aktuellen Verhaltens von LEGO habe ich keine großen Hoffnungen für die Zukunftssicherheit von Powered Up. Auf seit Jahrzehnten etablierte Produktzyklen kann man sich nicht mehr verlassen – aus 7 Jahren werden 2. Wenn die Produkte danach noch genau so genutzt werden könnten, wie während des Lebenszyklus, wäre das vielleicht noch hinnehmbar.
Allerdings befürchte ich, dass zum Beispiel die Roboter Erfinder-App in zwei Jahren aus den Appstores entfernt wird und es dann keine Anwendung mehr gibt, die auf das Produkt ausgelegt ist. Werden die Bauanleitungen in der Zukunft erhalten sein? Wie sieht es mit Funktionen wie der Fernsteuerung oder dem erst kürzlich erschienenen maschinellen Lernen aus?
Dabei geht es nur um die Probleme, die in den nächsten zwei Jahren auftreten werden. Wird es nach Powered Up eine neue App geben, um zum Beispiel die Control+-Fahrzeuge fernzusteuern? Wird eine solche App fertige Steuerungen für die bisher erschienenen Control+-Fahrzeuge enthalten? Bei Sets, die teilweise über 400€ kosten, würde ich mehr Engagement erwarten.
Sollte man alle Produkte boykottieren, die LEGO Apps nutzen?
Eine zukunftssichere Lösung für einige Anwendungsfälle ist bereits jetzt Pybricks. Das aus der Fangemeinde stammende Projekt ermöglicht eine von LEGO unabhängige Programmierung und Fernsteuerung der Powered Up Produkte. So ist es zum Beispiel möglich, die Control+-Sets einmalig für das spezifische Modell zu konfigurieren und dann dauerhaft ohne Smartphones o.ä. mit der Powered Up Fernsteuerung zu steuern. Auch die umfassendere Programmierung der Hubs, wie beispielsweise Mindstorms- oder Boost Kunden sie sich wünschen könnten, wird von Pybricks ermöglicht. Allerdings setzt das Projekt zwingend die Kenntnis der Programmiersprache Python voraus und lässt sich deshalb kaum von Kundinnen und Kunden abseits einiger Enthusiasten nutzen. Für Endkunden, die einfach nur ein ferngesteuertes Auto fahren lassen wollen, ist das keine zufriedenstellende Lösung.
Eine weitere Lösung, die ebenso nicht ideal ist, wäre es, das Gerät mit den LEGO Apps zusammen mit dem Set einzulagern und ggf. in dem Bundle weiter zu verkaufen. Sollen mehrere Sets einzeln verkauft werden, die mit einem Smartdevice gesteuert wurden, ist dies bereits keine Lösung mehr.
Damit gibt es ein ziemlich trauriges Fazit. Eigentlich halte ich die Kombination von LEGO und Programmierung für ein großartiges Konzept, das die kreativen Möglichkeiten weit über schöne Modelle hinauswachsen lässt und eine interaktive Erfahrung ermöglicht. Aber mit der Absenz eines überzeugenden Konzeptes für die Zukunft der Produkte entpuppen sich viele Ankündigungen und Versprechen als Marketing-Blabla.
Besitzer von Produkten, deren Apps bereits eingestellt wurden, können sich eigentlich nur noch an den Kundensupport wenden, um vielleicht eine Lösung zu bekommen.




