Choo-choo! Kultige Zugsimulation LEGO LOCO von 1998 im Classic Review

Choo-choo! Und immer wieder: Choo-choo! Und dann: Klingelingeling! Wie man dieses Spiel ohne Ohrstöpsel heil überstehen soll, ist mir ein Rätsel. Überall bimmelt und ächzt es, läutet’s und klirrt’s. Es ist laut. Es ist bunt. Es ist LEGO LOCO.

Wer nur die von TT Games entwickelten Prestige-Titel der Dänen kennt, für den kommt dieses Spiel zunächst wie ein echter Kulturschock vor. Ende der 2000er und damit lange bevor Hits wie LEGO Star Wars oder LEGO Marvel Super Heroes zu Verkaufsschlagern wurden, sah die Welt von LEGOs Videospielen noch ganz anders aus. Es ist eine Zeit, in der Videospiele groß im Kommen waren und analogen Spielzeugen in Kinderzimmern den Kampf ansagten. In Billund wollte man diesen Trend nicht verpassen und wagte die ersten unbeholfenen Schritte in der Entwicklung eigener Games. Eines der ersten Spiele, die LEGO damals in Zusammenarbeit mit Intelligent Games entwickelte, war die Zugsimulation LEGO LOCO.

Ein SimCity in billig oder ein charmanter Nostalgietrip? Dieser Frage wollen wir im heutigen Classic Review nachgehen. Haltet also eure Fahrkarten bereit, wenn es aufgeht in ein längst vergessenes Videospiel-Kapitel der Dänen.

Ein Hauch von Windows XP

Bevor wir unsere nostalgische Reise ins Jahr 1998 antreten können, steht jedoch erst einmal die Installation an. Bei einem über 20 Jahre alten Spiel gestaltet sich das allerdings ein wenig komplizierter als nach dem Motto: Disk rein, klick, klick, fertig. Doch die gute Nachricht: Ja, LEGO LOCO lässt sich problemlos auch auf einem modernen High-End-Windows-10-PC zum Laufen bringen. Und natürlich könnte ich euch jetzt ausführlich alle Installationsschritte erklären – doch erspare ich euch an dieser Stelle mal die ganzen technischen Details und verweise stattdessen einfach auf ein tolles Videotutorial unseres Kollegen Christian aka Technicmaster0.

Nach erfolgreicher Installation und dem ungläubigen Blick, dass diese Kartoffel selbst nach einem Vierteljahrhundert immer noch wie geschmiert läuft, startet auch schon der Introbildschirm. Tausend kleine LEGO-Steinchen rieseln leise vom Himmel herab und formen das Logo der Dänen. Mit großem Kawumm floppt daneben dann das LEGO Media-Logo auf (die damals eigens gegründete Publisher-Abteilung), gefolgt von dem des Entwicklers Intelligent Games (unter anderem auch bekannt für zahlreiche PGA Golf-Spiele und 2002 FIFA World Cup).

Im Anschluss: Ein kleines Einführungsvideo. Diese waren typisch für LEGOs Windows-Spiele aus der Zeit und waren mit ihrer witzig-verdrehten Art mindestens genauso ein Highlight wie das Game selbst. Im Fall von LEGO LOCO verspricht das Video allerdings ein bisschen mehr als das Spiel bieten kann: Rasante Zugverfolgungsjagden, Reisen in fremde Dimensionen! Und Zugführer, die sich plötzlich in Superhelden verwandeln und einen drohenden Unfall verhindern. Im Spiel habe ich den nicht einmal gesehen – aber ich frage mich, warum nicht auch die DB-Mitarbeiter über solche geheimen Fähigkeiten verfügen. Das hätte mir schon so einigen Ärger auf Deutschlands Schienen erspart. Immerhin: Die Musik im Video ist fantastisch und geht direkt ins Blut. Ta-ta-ta-ta-ta-tam!

Good Morning on board the ICE to LEGO LOCO

Sodann sind wir im Hauptmenü und können hier zwischen Einzel- und Mehrspielermodus entscheiden. Wie Letzterer aber genau funktioniert, dafür bin ich technisch nicht versiert genug das herauszufinden – und da ich eh keinen kenne, der gerade zeitgleich LEGO LOCO spielt, lasse ich das mal lieber sein. Aber falls ihr mit eurer MMORPG-Gilde genug davon habt, irgendwelche Monster zu verprügeln: Probiert doch stattdessen einfach den LOCO-Mehrspielermodus aus.

Jetzt fehlt uns nur noch ein Name für unseren Spielstand, bevor es ins Zuggetümmel geht. Für meine ursprüngliche Idee „Der Name dieses Spielstands verspätet sich um 5 Minuten“ reicht aufgrund der Zeichenbeschränkung aber leider der Platz nicht, deshalb muss hier ein schlechter Wortwitz herhalten: Egal, heißen wir eben „ZUGedröhnt“. Darauf beginnt auch schon das Spielerlebnis und wir starten mit dem Blick auf eine leere grün-graue Landschaft. Ruhig und harmonisch geht es hier noch zu: Der Wind weht, Vögel zwitschern – tja, wenn ich gewusst hätte, wie schnell diese Ruhe einer echten Klangorgie weichen wird.

In einem kleinen Tutorial erklärt uns der Station Master aus dem Videofilm kurz die Funktionen des Spiels. Synchronisiert hat man das in LEGO-Games-typischer Art mit einem Nonsense-Geplapper, das so ulkig klingt, dass ich nur zu gern bei den Aufnahmen im Tonstudio dabei gewesen wäre. Kaum zu glauben: Es soll damals viele Leute gegeben haben, die das für Dänisch gehalten haben und bei der Service-Hotline gefragt haben, wie man die Sprache ändern kann.

Bei den Erklärfenstern treten übrigens ab und zu Grafikfehler auf, die aber einer der wenigen größeren Bugs im Spiel sind. Den Spielfluss stören sie nicht – und immerhin ist vieles im Game selbsterklärend, da kann man auf das Tutorial auch gut verzichten.

Nun, da uns der Station Master alles Wichtige erklärt hat, bleibt die Frage: Was jetzt? So wie uns die unbebaute Landschaft anstarrt, ist das mindestens genauso schlimm wie ein leeres Blatt Papier vor sich zu haben – Anfangen ist schwer! Denn ein richtiges Ziel gibt es bei LEGO LOCO nicht: Es ist ein Sandbox-Spiel, mit dem man so lange Spaß hat, wie die eigene Kreativität neue Ideen für Städte und Zugstrecken hergibt.

Ich überlege ein wenig hin und her und komme zuerst auf den Gedanken, meine Wahlheimat Bamberg nachzubauen – da es im fränkischen Rom aber an einem spannenden Zugsystem mangelt, verwerfe ich die Idee schnell und entscheide mich stattdessen, das ultimative Bahnnetz des Grauens zu kreieren: Das S-Bahn-Netz meiner ursprünglichen Heimat Berlin.

Kommse nach Berlin, ham Züge hier

Ich lege mir also den Netzplan der Hauptstadt neben den PC und öffne die Toybox – das ist unser Werkzeugkasten, in dem man außer Gleisen auch Häuser, Pflanzen und Straßen zum Platzieren findet. Daneben enthält die Box aber auch einige technische Funktionen: Speichern und Laden, Auswählen von Hintergründen, Aktivieren der Auto-Delete-Funktion und ein Bomben-Symbol, mit dem man die ganze Welt löschen kann (Welches Kind trägt denn schließlich keine Bombe in seiner Spielzeugbox herum?). Das klingt nach viel, für mich fehlt da aber eine „Rückgängig“-Taste. Okay, zugegeben, die gibt es schon – mit der macht man aber alles auf einmal rückgängig, was seit dem Öffnen der Toybox gebaut wurde – im schlimmsten Fall ist das die ganze Stadt!

Nun geht es ans Bauen der Zugstrecken. Und da das Berliner S-Bahnnetz zu komplex und der vorhandene Baubereich zu klein ist, muss ich hier selbstverständlich stark vereinfachen, aber für die Ringbahn, die Nord- und Südlinien S1 und S2 sowie die Ost-West-Verbindungen S3 und S7 reicht’s trotzdem. Mit der Vielfalt an Baumöglichkeiten – Geraden, Kreuzungen, Weichen, Depots, Ampeln und zwei Bahnhöfen – entsteht dann sogar ein ansehnliches Zugnetz. Ich hätte mir an einigen Stellen nur Hilfslinien gewünscht, um den Ring möglichst in der Mitte platzieren zu können – deshalb half ich mir damit aus, als Hintergrund kurz ein Fußballfeld auszuwählen, um wenigstens etwas Orientierung zu haben.

Apropos Hintergründe: Von denen gibt es in LEGO LOCO ein gutes Dutzend. Darunter finden sich beispielsweise eine Schneelandschaft, eine staubige Sandwüste, aber auch wirklich kuriose Hintergründe wie ein Mondkrater und ein weißer Linoleumboden. Mag zunächst etwas abgedreht wirken, animiert aber zu kreativen Ideen: Habt ihr also genug davon, immerzu Städte zu bauen, versucht euch doch einfach an einer Wild-West-Welt oder einer Mondbasis.

Ein Hinweis vorweg: Je komplexer ihr euer Streckensystem gestaltet, desto achtsamer müsst ihr sein, sobald eure Züge einmal auf den Schienen rollen. Bei sich überschneidenden Strecken und unzähligen Weichen den Verkehr so zu händeln, dass es zu keinen Kollisionen kommt, bedarf vorher guter Planung und einigen Überlegungen.

Als unser Berliner-S-Bahnnetz schließlich einigermaßen aussieht wie sein reales Vorbild, machen wir uns ans Bauen der Stadt. Wir fangen mit dem Bezirk Mitte und seinen Sehenswürdigkeiten an. Und da die Entwickler nicht für den Fall planen konnten, dass ein PROMOBRICKS-Redakteur irgendwann einmal die deutsche Hauptstadt nachbaut, findet man in der Toybox natürlich weder Fernsehturm noch Brandenburger Tor (heute würde man einfach ein DLC für 59,99€ auf den Markt schmeißen), deshalb müssen wir ein wenig improvisieren.

Für den Telespargel nehmen wir einfach ein Hochhaus, für die Straße „Unter den Linden“ suche ich die Toybox nach allem ab, was irgendwie nach preußischem Prachtbau aussieht. Die Zahl der Häuser mag überschaubar sein, ist aber dennoch erstaunlich vielfältig – von Wohnhäusern in verschiedenen Stilen bis hin zu Frittenbuden, Schulen, Feuerwehren und Fabriken ist alles dabei, was man in so einer Stadt finden kann.

Es ist zugegeben nur alles ziemlich quietschbunt – und so richtig nach LEGO ausschauen tut es auf den ersten Blick auch nicht. Womit wir auch schon beim Thema Grafik wären: Bei einem 1998 veröffentlichten Spiel eines Konzerns, das erst vor Kurzem Fuß in der Gamesbranche fasste, darf man keine 4K-Grafik erwarten. Aber ganz ehrlich: Die braucht es hier nicht. Pixelbrei mögen die einen sagen – für mich steckt hinter der klobigen Grafik allerdings viel Charme, den es bei so manchem fotorealistischen Game oft mangelt.

Es läuft gut mit unserem LOCO-Berlin – doch plötzlich – argh! In meinem ganzen Eifer klicke ich aus Versehen auf das Bombensymbol und mit einem Mal löst sich alles in Luft auf. Hier merkt man das Fehlen eines Rückgängig-Knopfes besonders schmerzlich: Weil ich die Toybox bisher nämlich nicht geschlossen hatte, muss ich komplett von vorne anfangen. Ärgerlich, aber zum Glück sind wir über den Bezirk Mitte bisher nicht herausgekommen. Fortan werde ich das doofe Ding alle fünf Minuten schließen und öffnen.

Häuschen für Häuschen wächst das Städtchen an. Nach Mitte setzen wir in Kreuzberg ein paar überteuert renovierte Altbauten hin, verlegen Straßen (ob die genauso wie die Berliner Autobahnen im Stau versinken werden?) und bauen Gehwege. Langsam tasten wir uns nach Marzahn vor, wo wir mit den LOCO-Hochhäusern ein paar Plattenbauten in den Asphalt meißeln.

Die Siegessäule realisieren wir als Wikingerstatue, mangels Platz in Mitte müssen wir die samt Tiergarten jedoch in den Südwesten verlegen. (Kleine Anekdote: Die Entwickler bauten ursprünglich eine Funktion ein, bei der die Statue ihre Hose herunter zieht und dem Spieler den nackten Hintern zeigt. Bei der Demonstration entlockte dies den LEGO-Bossen einen heftigen Lachanfall. Angeblich schaffte es die Funktion bis ins finale Spiel, wie man sie jedoch auslöst, ist bis heute unbekannt.)

In LEGO LOCO muss es nicht immer nur grauer Stadt-Beton sein: Dank der großen Vielfalt an Pflanzen-Bauteilen, die Tannen, Palmen, Pilze und Blumen in verschiedenen Farben umfassen, kann man sich auch eine kleine Naturoase schaffen. Auch Teiche gibt es einige – wir verwenden einen als Wannsee im äußersten Südwesten der Stadt.

Es folgen der Wedding, das Märkische Viertel mit seiner Plattenwüste, der Tegeler See, im Süden entstehen mit spießig anmutenden Reihenhäusern Zehlendorf und Lichterfelde. Zum Schluss noch Neukölln und das Adlershofer Technologiegebiet. Da ganz im Norden ein wenig Platz übrig bleibt, entschließe ich mich dazu, dort oben dieses riesige weite Feld namens Brandenburg zu verewigen und baue ein paar Kuhställe und Bauernhäuser hin. Brandenburg in a nutshell. (Nichts gegen Brandenburg, ich bin selbst dort geboren und aufgewachsen.)

Am Ende haben wir fast alles aus der Toybox verbaut, überlegen noch kurz, ob wir ein riesiges Plakat des Bürgermeisters irgendwo dazwischen quetschen können – aber Wahlen kriegt Berlin eh nicht hin, also bloß weg damit.

Kurze Zeit später steht es schließlich da: Unser kleines LOCO-Berlin. Die Vielfalt der Hausdesigns ist dann doch erstaunlich groß, sodass wir jedem Bezirk eine ganz eigene, individuelle Note verleihen konnten. Da sehen wir auch gerne darüber hinweg, dass die Siegessäule am falschen Platz steht, die Hertha-Fans ihr Olympiastadion vermissen werden und auch von der East Side Gallery keine Spur zu sehen ist. Für LOCO-Verhältnisse ist das Ergebnis ganz ansehnlich – pixelig, aber sexy.

Einfahrt auf Gleis 1: Der 4558 Metroliner

Eine Stadt haben wir also nun, aber die eigentliche Hauptattraktion des Spiels haben wir noch gar nicht ausgekostet: Den Zugverkehr. Ein Klick auf ein beliebiges Depot und schon öffnet sich ein Editor-Fenster, in dem wir einen Zug mit bis zu drei Waggons basteln können. Drei Lok- und sieben Waggontypen stehen dabei zur Auswahl, die überwiegend an klassische Zug-Sets wie den 4558 Metroliner, den 4564 Freight Rail Runner oder den 4537 Twin Tank Transporter angelehnt sind (Nostalgiker wird’s freuen).

Bei den Waggons hat man dabei die Auswahl zwischen Passagierabteilen, Güterwaggons und – was später noch interessant sein wird – Postwaggons. Nette Vielfalt, ein Berliner S-Bahn-typisches Senfgelb suchen wir aber vergeblich. Macht nichts, schicken wir eben den Metroliner als die S1 los. Für die Ringbahn und die S7 schrauben wir uns zur besseren Unterscheidung noch Züge in blau und grün zurecht, bevor alle mit einem lauten Dröhnen und ständigem Choo-choo das Depot verlassen. Alles einsteigen, Vorsicht bei der Einfahrt des Zuges, die Fahrkarten bitte, Passengers travelling to Messe Nord ICC please change here for the circle line, kommse rinn, könnse ruskieken, choo-choo, wegen Bauarbeiten besteht zwischen Oranienburg und Frohnau Ersatzverkehr mit Bussen.

Schade allein, dass nur maximal drei Züge gleichzeitig losdüsen können – was bei genauerer Überlegung aber dann doch keine so unkluge Entscheidung der Entwickler war. Denn schon drei Züge auf unserem verschachtelten Netz zu überblicken ist eine echte Herausforderung. Sieht man sich einmal nicht vor, kann es schnell passieren: Krach! Die Züge kollidieren – in der skandinavischen Spielzeugidylle braucht man in LOCO aber bis auf ein unschönes Geräusch nichts weiter zu fürchten – besteht ja eh alles aus LEGO-Steinen.

Dennoch: Will man sich als guter Streckenmanager beweisen, ist gute Koordination nötig – und ausreichend Ampeln! Die können einem hier echt das Leben retten. Wer dennoch den echten Kick sucht oder einfach nur einen Hang für Katastrophen hat, der erhöht am besten einfach die Geschwindigkeit der Züge. Das lässt sich ganz leicht mit einem Klick auf die Loks realisieren. Schafft ihr es jetzt noch ohne Crash auszukommen – Chapeau.

Heute mal kein Stau auf der A100

Mit der Zeit siedeln auch so langsam erste Anwohner in unser kleines Berlin. Komisch nur, dass es sich dabei um Anzugträger im Wedding handelt – die habe ich dort nun wirklich nicht erwartet.

Minifiguren spawnen im Spiel automatisch, sobald man einige Häuser und Straßen baut. Von Polizisten, Kleinkindern und dem Station Master höchstpersönlich ist die Bandbreite recht vielfältig – selbst Skelette flanieren manchmal durch eure Städte. Um die 28 Charakterdesigns gibt es im Spiel – und dennoch erscheinen nicht selten namensgleiche Doppelgänger in euren Städten. Allein ich hatte zum Ende ganze fünf Skateboard fahrende Lees in meinem Berlin. Seltsam auch, wohin es gerade die Kinder in LEGO LOCO verschlägt: Wenn man den kleinen Dan ganz unbekümmert am Bahngleis Springseil springen sieht, kriegt man ja fast einen Herzkasper.

Habt ihr eine Wiese gebaut oder genug Pflanzen, Bäume und Teiche gesetzt, erscheinen auch Kühe, Schweine, Schafe, Frösche und Hasen im Spiel. Nach wenigen Minuten werden wir plötzlich sogar von einem lauten Motorgeräusch aufgeschreckt: Das erste Auto düst auf den Straßen herum. Auch diese lassen sich nach einigen Minuten in der Stadt blicken, sobald ihr bestimmte Häuser gebaut habt. In unserem Fall blieb der gelbe Flitzer aber weit und breit das einzige Auto – wenn’s doch immer so im staugeplagten Berlin wäre.

Als große Allmacht, die ihr hier als Spieler in dieser Welt verkörpert, könnt ihr mit euren Bewohnern anstellen, was euch gerade in den Sinn kommt: Stört die liebe Mary bei der Erledigung ihrer Einkäufe, indem ihr sie ohne Vorwarnung kilometerweit in den Wald platziert, bringt den werten Jochen zur Weißglut, indem ihr ihn alle fünf Sekunden den Bahnhof wechseln lasst oder testet aus, wie lange Genevieve zum Stadtzentrum braucht, indem ihr sie einfach an den Rand der Stadt stellt.

Keine Angst vor dem Aufstand: Eure Einwohner quittieren eure Schikane mit nichts mehr als einem lauten Weinen und einer bösen Miene – ihr könnt eure sadistischsten Fantasien in diesem Spiel also freien Lauf lassen. Selbst über die Namen eurer Bewohner könnt ihr eigenwillig entscheiden! Von so viel Macht können einige Möchtegern-Autokraten nur träumen.

Da schlängeln sich unsere Züge also durch das LOCO-Berlin, die Bewohner gehen ihrer Wege, choo-choo und klingeling, es ist echt laut. Aber was nun? Einen roten Faden hat man in LOCO nicht – man ist selbst für die Herausforderungen verantwortlich. LEGO LOCO ist eben keine klassische Stadtsimulation wie SimCity oder Cities: Skylines, die mit ihren verschiedenen Funktionen und Herausforderungen aufwarten. Sicher hätten ein paar zusätzliche Features noch ein bisschen Abwechslung hereingebracht, aber ehrlich gesagt vermisst man die nicht im großen Stil.

Die Stärke des Spiels ist vielleicht gerade diese Reizarmut: Es ist wie ein virtueller Hobbykeller, in dem man da sitzt und seine Modelleisenbahn beim Hin- und Herflitzen beobachtet. Mag zwar zunächst langweilig klingen, entpuppt sich in unserer informationsgefluteten Gegenwart dann aber als erstaunlich entspannend. Und tatsächlich, je länger die Züge ihre Runden drehen, desto mehr verfällt man in dem Spiel in eine wahrhaft meditative Trance, genießt es, keine Quests erledigen zu müssen, irgendwelche Bossmonster zu verdreschen oder Jump’n’Run-Parcours entlang zu hetzen – wenn da nur nicht dieses – argh! – laute Choo-choo wäre!

Chat with Nessy

LOCO nennt sich das Spiel, aber MAIL hätte es eigentlich auch ganz gut getan – denn neben der Steuerung von Zügen bietet das Game noch eine zweiten großen Spielmodus: Das Postsystem. Hat man sich in seiner Stadt nämlich ein rotes Fabrikgebäude gebaut, gelangt man mit einem Klick darauf zum Postkarteneditor. Hier kann man eigene Postkarten gestalten, sie mit Nachrichten versehen und im Multiplayer samt Dateianhängen an seine Mitspieler verschicken oder – wer wie ich einsam in seinem LOCO-Berlin herumlungert – mit NPCs schwatzen.

Die Zahl der potentiellen Adressaten ist dabei recht lang: Neben einem Lokführer und Nessy sind das auch ein Skelett, eine Feenkönigin, ein Schneemann, der Bürgermeister sowie Prinz und Prinzessin, ein Professor, der Weihnachtsmann und die Marsianer.

Genug Möglichkeiten für ausgefallene Kartendesigns bietet das Spiel reichlich. Aus ganzen 16 Kategorien können verschiedenste Objekte von Hintergründen, Minifiguren und Gegenständen ausgewählt werden – darunter sind sogar zuweilen kuriose Dinge wie Dynamit und ein verbranntes Toastbrot. Das Platzieren der Gestaltungsobjekte ist dann aber nichts für zittrige Hände: Man muss alles schon pixelgenau auf die Leinwand setzen, damit es einigermaßen ordentlich aussieht. Dafür braucht es tatsächlich einige Zeit und Muße – hier hätten zusätzliche Hilfswerkzeuge wirklich Abhilfe schaffen können – so aber gibt es nicht mal eine einfache Kopier- oder Rückgängig-Funktion.

Wenn man sich allerdings ein wenig einfuchst und sich an die nervigen Slapstick-Geräusche gewöhnt, die beim Setzen jedes Objekts ertönen, kann das Basteln von Postkarten eine Menge Spaß machen: Aus einer eher überschaubaren, sehr schrulligen Palette von Objekten etwas halbwegs Sinnvolles zu gestalten, ist tatsächlich ziemlich reizvoll und kurzweilig. Besonders lieb gewonnene Kreationen kann man im Übrigen in ein Album kleben und dort verewigen.

Nachdem wir uns mit dem Editor vertraut gemacht haben, gestalten wir sogleich unsere erste Postkarte. Um unseren Blog auch in der Welt von LEGO LOCO etwas bekannter zu machen, klatschen wir ein paar schwarze und rote Linien auf die Wand und schwupps, schon haben wir das PROMOBRICKS-Logo nachgestellt. Dazu noch eine freundlich lächelnde Reporter-Minifigur in die Mitte und fertig. Als Text tippen wir ein: Erstklassige Berichte, die besten Reviews: Besuche jetzt PROMOBRICKS! Blöde Werbefritzen, können’s einfach nicht lassen.

Als Adressanten entscheiden wir uns für den Lokführer, kleben noch eine Briefmarke drauf (in dieser Welt zum Glück alles kostenlos) und schicken es ins Postamt. Jetzt verpassen wir unseren Zügen noch einen Postwaggon, setzen am Rand der Welt ein Portal hin und schon geht die Karte ganz umweltfreundlich per Zug auf die Reise. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Eine Dampflok scheppert nach wenigen Sekunden mit der Antwort zurück: Can I see your train ticket please? Öhm, gilt hier etwa nicht das Neun-Euro-Ticket?

Der Herr Lokführer mag wohl wirklich keine Werbung. Na gut, dann versuchen wir mal authentisch zu sein und zeigen ihm mit der nächsten Postkarte, wie es eigentlich hinter den Kulissen bei uns zugeht:

Doch auch hier wieder: Can I see your train ticket please? Jetzt reicht’s aber, besuche doch mal endlich PROMOBRICKS! Wir ergreifen harte Maßnahmen: Ein äußerst seriös aussehender Schlägertyp will nun für den Blog überzeugen. Can I see your train ticket please?

Wir sehen es ein, er will von PROMOBRICKS nichts wissen. Dann probieren wir uns eben durch die Adressatenliste durch. Nessy bieten wir an, von Schottland in den Wannsee zu ziehen, sagen dem Skelett, dass er mit seinem Prachtkörper gute Chancen bei Germany’s Next Topmodel hätte und fragen die Fairy Queen, ob ihr Königreich auch FAIRtrade ist? Wegen FAIRy, verstehste?

Beim Schneemann erkundigen wir uns, wie der Urlaub auf Mallorca war – warum habe ich nur das Gefühl, dass wir nie eine Antwort bekommen werden? Auf unser Schreiben, doch bitte den FC Bayern zu kidnappen, damit die Bundesliga wieder spannend wird, antworten die Marsianer: I’ve got seven feet, how many have you got? Ah ja. Ich sehe das mal als nein.

Beim Prinzen erkundigen wir uns, ob das der nigerianische Prinz war, der uns mal ein Erbe versprochen hat. Er hält sich aber bedeckt: Thank you for your lovely card. Do you like this one? Der Prinzessin basteln wir eine Karte mit ihr in Mechaniker-Klamotten und fragen, warum Mädchen in diesem Spiel unbedingt Prinzessinnen sein müssen. Ihre Antwort: Sorry, I can not write much, I’m busy polishing my crown. Verwöhntes Gör.

Dem Herrn Bürgermeister machen wir ein unschlagbares Angebot: Jetzt attraktive Maskendeals sichern. Er geht aber nicht darauf ein: Do you have any ideas for town improvements? Oh, da würde mir für Berlin eine Menge einfallen. So richtig prahlen wollen wir vor dem Professor und schreiben einen Satz, wie man ihn nur in staubigen Seminarräumen hört: Poetizität ist definiert als Projektion der paradigmatischen Achse auf die Ebene des Syntagmas. Professor: Sorry, I’ve forgotten your name. Tja, umsonst gepaukt. Bleibt nur noch der Weihnachtsmann, ihm kündigen wir einen bevorstehenden Streik der Elfengewerkschaft an: Thank you for your note. I hope you are being good. Nun ja, ich schreibe zotige Postkarten in einem Kinder-Videospiel – scheinbar wohl nicht.

Das Postkartensystem verleitet leicht dazu, hier alles aufs Korn zu nehmen. Genau das macht es aber so erstaunlich spaßig. Ich konnte nicht glauben, wie viele Stunden ich darauf verwendet habe, unzählige Karten zu designen und mit virtuellen Prinzen und Weihnachtsmännern zu chatten. Klar, man darf hier keine Künstlichen Intelligenzen erwarten, die direkt auf unsere Nachrichten eingehen werden. Doch die vorgefertigten Sätze sind manchmal witzig genug und nicht zuletzt das Design der Karten ist es wert, sich in diesem Modus auszutoben. Was die Entwickler hier an Postkarten designt haben, ist umwerfend einfallsreich und ein Highlight im Spiel.

Ein Osterei zu Weihnachten

Irgendwann kommt aber auch die schönste Zugfahrt zu einem Ende – und der nähern wir uns im Eiltempo. Alle Funktionen sind erkundet, die Stadt gebaut, Postkarten verschickt. An der Endstation gibt es von uns aber ein bisschen mehr als ein Thank you for travelling with LEGO LOCO und eine defekte Klimaanlage: Wir geben euch noch Einblicke in ein paar Easter Eggs im Spiel.

Wenn ihr beispielsweise einen IG-Turm und eine Radarstation rechts daneben baut, verwandelt sich Ersterer in einen Transformer ähnlichen Roboter. Zwei Radarstationen nebeneinander ergeben hingegen ein Space Shuttle. Und wer einen Teich mit Sonnenblumen umrahmt, der wird kurz darauf den lebenden Beweis sehen: Nessy existiert.

Und das ist bei Weitem noch nicht alles: Spielt ihr das Spiel an Halloween, verwandelt sich eure Welt in eine Grusel-Stadt, bevölkert von Skeletten, in der Geisterzüge durch Kürbisfelder trotten. Ähnliches passiert an Heiligabend: Dann weihnachtet es schwer in LEGO LOCO und eure Stadt versinkt in Schnee, Geschenken und Tannenbäumen. Man staunt nicht schlecht bei diesem Spiel. So unscheinbar und dusselig es zunächst wirken mag – es steckt am Ende dann doch voller Überraschungen. Darauf ein choo-choo!

LEGO LOCO: skurril und erfrischend anders

Als ich die Disk ins Laufwerk eingelegt habe, war ich der festen Überzeugung, dass in meinem Review ein gnadenloser Verriss herauskommt – am Ende sitze ich wie gebannt vor dem Bildschirm und kann tagelang nicht aufhören, Städte und Postkarten zu designen. Ich kann nicht glauben, wie fesselnd ein so simples und – choo-choo – au, lautes Spiel sein kann. Es ist vielleicht genau das richtige Game in einer Zeit, wo sich Entwicklerstudios mit protzigen Triple-A-Titeln gegenseitig überbieten wollen – eine charmante Absage an den Größenwahn der Branche.

LEGOs Videospiele mögen über die Jahre zwar größer, hochauflösender und komplexer geworden sein – aber damit auch gleichzeitig besser? Die bewährte TT Games-Formel bestehend aus Parcours-Leveln, Sammeln von Münzen und Slapstick-Humor hat sich längst erschöpft. Spiele wie LOCO sind verglichen damit eine erfrischende Abwechslung – eine skurrile, aber gerade auch deswegen überraschend spaßige Wundertüte.

Und ich habe mir ja sagen lassen, dass auf der jüngsten Gamescom eine hochrealistische Zugsimulation, in der man einen ICE von Würzburg nach Kassel in Echtzeit steuert, der große Renner gewesen sein soll. Wenn die heutigen Spieler auf so etwas abfahren, dann braucht sich LEGO LOCO nicht zu verstecken. Der ständige Ruf der Fans danach, doch bitte die Züge bei LEGO wieder zurückzubringen – er sollte auch wieder im Gamesbereich laut werden. Da erträgt man doch gerne auch dieses Choo-choo!

7 Kommentare zu „Choo-choo! Kultige Zugsimulation LEGO LOCO von 1998 im Classic Review“

  1. Ein tolles ausführliches Classic Review. Ich erinnere mich an diese Ära von Lego noch gut, auch wenn ich Lego Loco selber nicht gespielt habe. Ich hatte Creator Knights Kingdom und Lego Insel.

    1. Ja, die PC-Spiele von damals sind zwar ziemlich schräg, machen aber erstaunlich viel Spaß – besonders Stunt Rally habe ich mit meinem Vater damals stundenlang gespielt. Mindestens genauso toll war aber auch Rock Raiders.

  2. Ich habe das Spiel auch gerne gespielt. 😀 An die Postkarten erinnere ich nicht. Aber an die lustigen Bewohner und den Winter-Modus mit Schnee. Das schöne Review hat auf jeden Fall Erinnerung geweckt. Danke dafür.

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