Die tapferen Ritter von Morcia: LEGO Knights Kingdom II Figuren im Classic Review

Löwenritter, Black Falcons, Wolfpack – klangvoll und schillernd hören sich die Namen von LEGOs klassischen Castle-Serien an und wecken bei vielen nicht selten echte Nostalgie. Wenig Beachtung, zuweilen sogar verpönt und verlacht ist dagegen die Mittelalter-Reihe von 2004: Knights Kingdom II.

Mitte der 2000er brach LEGO radikal mit seinem bisherigen Castle-Konzept: Fort von generischen Ritterfiguren hin zu einer Fantasy-Welt mit eigener Geschichte. So wirklich fruchten wollte der Ansatz jedoch nie und noch heute haftet Knights Kingdom II daher der Ruf der schlechtesten Castle-Reihe aller Zeiten an.

Ob an den Vorwürfen etwas dran ist, wollen wir heute in einem Classic Review der wohl umstrittensten Sets der Reihe erkundschaften: Die Actionfigur-artigen Ritter Jayko, Santis, Rascus, Danju, Mathias und Vladek. Es wird sich zeigen: Ja, Knights Kingdom II ist zu bunt, zu abgedreht und eindeutig eines von LEGOs seltsamen Multimediaexperimenten aus den 2000ern. Wir werden aber auch sehen: Unter den bunten Rüstungen steckten ungeahnte Potentiale. Und: Die Ritter-Truppe prägte LEGOs modernes Unternehmensprofil entscheidend mit und ohne sie würde es den Verkaufshit Ninjago heute in der Form vielleicht ja gar nicht geben.

Bleibt also nur noch zu sagen: Hört, hört die alten Mären der bunten Recken von Morcia!

Hintergrund

„Die BIONICLE-Ritter“ werden sie nicht selten etwas spöttisch genannt. Als Kenner der BIONICLE-Welt berichtige ich in solchen Gesprächen immer eilends und bestehe darauf, hier nichts durcheinander zu bringen: Mit BIONICLE haben die nichts am Hut! Was bei genauerer Betrachtung so aber nicht ganz stimmt.

Denn tatsächlich war BIONICLE zu dieser Zeit das unbestrittene Zentralgestirn in LEGOs Produktkatalog – eine scheinbar nie versiegende Goldgrube, die schon im ersten Jahr Verkaufsrekorde brach und den angeschlagenen Konzern vor der drohenden Pleite bewahrte. Da verwunderte es nicht, dass man in Billund folglich versuchte, das Erfolgsgeheimnis auch bei anderen Themenwelten zu erproben: Multimedia-Spielreihen mit eigener Geschichte basierend auf baubaren Action- und Sammelfiguren. Und so war schon bald Knights Kingdom II geboren.

Vier Jahre nach dem letzten Castle-Thema verpasste LEGO seiner Ritterreihe ein Update an die Markttrends der 2000er. Denn es war auch die Zeit eines riesigen Fantasy-Booms, ausgelöst durch den Erfolg der Harry Potter-Romane, und nicht zuletzt auch eine der rasanten technischen Entwicklungen: Spielekonsolen, Heimcomputer, das Internet. Mit Knights Kingdom II reagierte LEGO an die veränderten Geschmäcker und Vorlieben und wollte so den nächsten großen Schritt in eine neue Spielzeugära wagen. Wie auf Pump versuchte man die Reihe deshalb neben BIONICLE als neues Steckenpferd zu etablieren: Eine PR-Kampagne folgte auf die nächste und eine Flut teils kurioser Merchandising-Artikel überschwemmte die Shops: Partybecher, Magnete, Schulzubehör und Gummischwerter.

Kernstück der Reihe waren jedoch selbstverständlich die Sets, zu denen neben den Actionfigur-Rittern, mit denen man an den BIONICLE-Trend anknüpfen wollte, auch Spielsets aus gewöhnlichen System-Steinen gehörten. Und davon gab es nicht wenige: Mit knapp 60 Sets ist Knights Kingdom II LEGOs größte Castle-Reihe aller Zeiten.

Im Mittelpunkt der Handlung steht das fiktive Königreich Morcia, das vom weisen König Mathias regiert wird. Seine Herrschaft findet allerdings ein jähes Ende, als der schwarze Ritter Vladek die Macht an sich reißt. Es liegt nun an den ergebensten Rittern des Königs, namentlich Jayko, Santis, Rascus und Danju, den Tyrannen wieder vom Thron zu stoßen.

Jeder der vier Recken besitzt dabei ganz unterschiedliche Fähigkeiten und Charakterzüge. Danju beispielsweise ist der Weise und Kluge unter den Rittern, Muskelprotz Santis hingegen besonders stark, während Rascus sich durch seine besondere Agilität auszeichnet und für die Lacher in der Geschichte sorgt. Jayko hingegen diente für das junge Zielpublikum eindeutig als Identifikationsfigur. Ein unerfahrener und nicht selten hitzköpfiger Rekrut, der mit der Zeit aber über sich hinauswächst und schließlich zum Helden der Geschichte wird. Seine besondere Gabe: Extreme Schnelligkeit.

Die Boxen

In Zeiten einfallslos designter 18+-Pappschachteln wirken diese Boxen fast schon wie ein Kuriosum: Kleine Türmchen samt Zinnen, Mauersteinmuster und Fenstern für jeden Ritter. Von vorne: Unsere kühnen Recken in heroischen Posen, hinten: Die obligatorische Kleinteilewarnung und ein Vorausblick auf den unendlichen Spielspaß, der in jeder Dose steckt: Bewegliche Arme! Bewegliche Visiere! Was die alles können.

Hat hier in Billund jemand schon den Nachhaltigkeitstrend vorausgedacht? Okay, zugegeben: Die Boxen sind aus PETE und der Deckel aus PE und das ganze Zeug damit nichts anderes als feinster Kunststoff verpackt in Kunststoff. Aber so schmuck, wie die Dosen gestaltet sind, landen die anders als so mancher Pappkarton nicht vorschnell in der Tonne. Immerhin kann man die Türmchen wunderbar zu einer kleinen Burgmauer kombinieren und auf diese Weise so einige Schlachten nachspielen. Die Box als Teil des Sets – kein so schlechter Einfall. Nur: Ob die bunten Zinnen bei der selbst gestalteten Burg dann so wirklich gefallen, bleibt fraglich.

Und die Dosen taugen sogar zu mehr als nur dazu, hübsche Schlossmauern zu zimmern: Sie sind auch trendige Aufbewahrungsboxen für unsere Ritter. Einmal reingesteckt und schon geht es sicher verpackt ab zum besten Freund, wo sich die Ritter dann gegenseitig bekriegen dürfen. Einziges Manko: Die Dosen sind ein wenig zu klein geraten, sodass man die Figuren erst in Plumpsklostellung bringen und ihnen den Kopf abschlagen muss, bevor sie reinpassen.

Ein bisschen mehr als nur Kunststoff gönnt sich – wie kann es anders sein – natürlich der Herr König: Als wäre ein blau angestrichener Turm mit vergoldeten Zinnen nicht ausgefallen genug (dieses Königreich hat Style), kommt Mathias auch noch mit einer Pappschachtel daher. Darin enthalten: Lauter Schnickschnack wie Sticker, eine Karte und – das absolute Highlight – ein Umhang. So prominent wie der beworben wird, kommt es einem grotesk vor, dass LEGO meint, sie können Kinder mit einem Stück Stoff locken. Aber ja, man kann – und das exquisit. Ich wollte als kleiner Knirps nichts lieber haben als diesen Monarchen mit seinem vermaledeiten Umhang.

Die Anleitungen

Der Bau mag zwar selbsterklärend sein, nach alter LEGO-Tradition gibt es jedoch auch hier für jeden Ritter eine Anleitung dazu. Auf dem Cover stehen sie nun da, allesamt (bis auf König Mathias) vor derselben Szenerie, über die man in Billund einfach nur einen unterschiedlichen Farbfilter gelegt hat – und bei Danju den Turm rechts mit einem fetten Klotz verdeckt hat.

Auf der Rückseite hingegen ein kleiner Vorgeschmack auf die Spielsets der Reihe. Kurios: Die Modelle selbst waren scheinbar noch mitten im Designprozess, denn insbesondere bei den Minifiguren finden sich etliche Abweichungen zu den finalen Sets. Am augenscheinlichsten ist dabei die Baseplate der Königsburg, die am Ende ganz anders designt war, als hier abgebildet. Bei König Mathias, der zusammen mit den Systemsets auf den Markt kam, sind die Bausätze hingegen in ihrer bekannten Form zu sehen.

Vor einer eingenebelten Schlosssilhouette entstehen dann Seite für Seite unsere Ritter – ein schmuckes Detail, das zwar sicher mächtig auf die Druckkosten ging, uns dafür aber auch ansehnliche kleine Büchlein bescherte. Der Rest: Solides Anleitungsdesign, wie man es aus Billund gewohnt ist.

Während viele Anleitungen heute nur Mittel zum Zweck sind und nach dem Aufbauen in Aktenordnern und Stehmappen verschwinden, haben diese stattdessen ein echtes Schmankerl zu bieten: In mehrseitigen, auf jede Figur individuell zugeschnittenen Comics wird die Geschichte dieser fiktiven Welt erzählt. Der Anfang ist dabei immer gleich: Böser Bube (Vladek) will sich das Königreich schnappen, dringt mit seinen stets gleich aussehenden Schergen in den Thronsaal ein und zwingt den König mit seinen Rittern in die Flucht. Einzige Hoffnung bleibt, so erzählt es Mathias, ein antikes leuchtendes Mercedes-Benz-Logo eine magische Schildplatte aus einer verrotteten Festung.

Ab hier beginnt der jeweils unterschiedliche Teil, in dem jeder Ritter eine bestimmte Herausforderung meistert und auf diese Weise seine Fähigkeiten unter Beweis stellt. So schneidet Santis einen Stein entzwei als wäre es sein Frühstücksbrot, Rascus hangelt sich Tarzan-mäßig einen Turm hoch und Jayko flitzt durch einen Parcours rotierender Äxte. Danju hingegen löst ein Rätsel mit Steinplatten, für das es – Hand aufs Herz – nun aber wirklich nicht viel Gehirnschmalz braucht: Dass ein Totenkopf „Gefahr“ bedeutet und die Platten mit dem Schild sicher sind, leuchtet irgendwie ein.

Danach sind die Comics wieder überall gleich. Auf einer viergeteilten Seite bestehen die Ritter weitere Aufgaben (Mann, diese Festung muss ja sowas wie ein mittelalterliches Ninja Warrior sein), wobei Danjus Rolle mal wieder ziemlich lahm wirkt: Seine Freunde dürfen Wände mit Fäusten einschlagen (Gibt’s da keine Türen?), vor Pfeilen und einstürzenden Böden entkommen und sich vor Flammen in Sicherheit bringen und er – nun ja, er kann auf Treppen zeigen.

Nachdem die bunte Truppe endlich die leuchtende Mercedes-Benz-Scheibe überreicht bekommt, kehren sie nach Morcia zurück, besiegen Vladek, alle sind glücklich, Happy End.

Etwas anders fallen die Comics bei Mathias und Vladek aus. Da wird nämlich geschildert, was alles in Morcia passiert ist, während sich die Ritter in der Parcours-Festung des Grauens aufgehalten haben. Na ja, fast. Bei Mathias sind es sogar teilweise noch mehr Ritter-Episoden (Spaziergänge durch gruslige Wälder und alpine Vergnügungen), erfahren daneben aber auch, dass Vladek mal der Berater des Königs war. Und damit gezeigt wird, dass Mathias mehr drauf hat als sich in seiner Hütte zu verstecken und mit den Rittern lustige Planspielburgen zu bauen, darf er bei der Entscheidungsschlacht auch das Schwert schwingen.

Ziemlich unspektakulär hingegen Vladeks Comic: Als die Regenbogen-Ritter nämlich auf Abenteuer ausgeritten waren, hat er nichts anderes unternommen als Flaggen zu zerreißen und die Burg mit Skorpionen rot zu streichen, die so ungesund rot schimmern, dass man meinen könnte, sie sind aus dem Endlager Gorleben entflohen. Wow. Ist das also der Grund, warum er den König verjagt hat? Nur weil ihm die Farbe des Schlosses nicht gefallen hat? Mal ehrlich: Dieser Comic könnte auch ein mittelalterlicher Heimwerker-Werbespot sein.

Die Comics entstammen im Übrigen aus der Feder des Grafikdesigners Mike Rayhawk, der bis heute für die Dänen zahlreiche Poster, Sammelkarten und Verpackungen illustriert. Auf seiner Webseite gibt er Einblicke in die Entstehungsgeschichte seiner Knights Kingdom II-Comics und kommentiert seine Arbeit dabei nicht selten mit herrlichster Selbstironie.  

Der Aufbau

Erst die Beine, dann die Arme, ran an den Torso, Kopf drauf, schwupps ist ein Ritter fertig. Der Aufbau ist so simpel und einleuchtend, dass er niemanden große Probleme bereiten sollte. Allein das Einrasten der Gelenke braucht ein wenig Kraft in den Fingern und beim Befestigen der Schilder ist etwas Feinmotorik gefragt.

Trotz gleichem Grundbauplan wird das Aufbauen jedes einzelnen Ritters jedoch keineswegs monoton. Denn es handelt sich bei der bunten Truppe nicht wie bei den BIONICLE-Sets dieser Zeit um exakte Klone, bei denen lediglich Farbe, Gesicht und Ausrüstung anders sind. Im Gegenteil: Die Ritter unterscheiden sich in vielen kleinen Nuancen, vornehmlich den Auskleidungen an Beinen, Armen und Brust. Insbesondere Vladek sticht hier mit seinen vielen spitzen Slopes deutlich hervor.

Merkwürdig schauen nur die beiden Steine auf Rascus‘ Brust aus. Diese zwei verschieden gerichteten Curved Slopes lassen das Design irgendwie unharmonisch wirken. Aber vielleicht ist Rascus auch einfach nur ein ziemlicher Hipster und zwei unterschiedlich ausgerichtete Bruststeine in Morcia so angesagt wie verschiedenfarbige Socken zu tragen.

Die Teile

Teilemäßig gehören diese Sets sicherlich zu den interessantesten des letzten Jahrzehnts. Denn nahezu jedes Teil war zu dem Zeitpunkt neu und in seiner Weise bis heute einzigartig, allen voran die Torsos, Köpfe, Schwerter und Visiere. König Mathias‘ bescherte sogar einen gänzlich neuen Farbton: Die „Blue-Violet“ genannte Farbe wurde extra für Knights Kingdom II geschaffen und fand sich auch in den Systemsets der Reihe. Lange hielt sie sich aber nicht in LEGOs Farbkatalog: Nach einem Jahr verschwand sie schon wieder aus den Bausätzen der Dänen und wurde außerhalb von Knights Kingdom II gerade mal in ein paar wenigen Duplo- und Creator-Sets verwendet. Ein wenig schade ist das schon: Der royale Farbton macht sich eigentlich ganz gut für Ritterburgen.

Im Gegensatz zu den damals populären BIONICLE-Figuren setzte man bei den Rittern statt auf Kugelgelenke auf spezielle Arm- und Beinteile, die mittels eines zweipinnigen Schlüssels eingerastet wurden. Die Extremitäten waren damit zwar nur stufenweise verstellbar, die Figuren besaßen dafür aber auch mehr Stabilität. Und die Einrastpins blieben bei LEGO zunächst die bevorzugten Teile für Actionfiguren und Mechs: Auch die Exo-Force-Sets von 2006 sowie einige Creator-Modelle basierten auf diesem System, bevor sich ab den 2010ern die Kugelgelenke voll und ganz durchsetzten. Ein weiterer Unterschied zu den BIONICLE-Figuren von damals: Die Ritter hatten Hände – diese sollte es bei BIONICLE erst fünf Jahre später geben.

Damit die Ritter von der Seite nicht aussehen wie frisch durchspießt, entwickelte LEGO eigens für die Ritter ein spezielles Verdeckelemente für die Löcher an den Beinen. Eine nette Idee, dank der unsere Truppe zudem nicht ganz so spindeldürr ausschaut. Außerhalb der Knights Kingdom II-Reihe fanden die Teile anderswo aber nur selten Verwendung.

Für die Schilde schonte LEGO seine Spritzgussmaschinen und schneiderte diese stattdessen aus Pappe. Wenn die Ritter so wie bei mir jahrelang im Keller versauern, bereitet das nicht weiter Kopfzerbrechen. Wahrscheinlicher ist aber oft der andere Fall: Heftigstes Bespielen. Wer weiß, ob die Papp-Schilde das auch so gut überstanden hätten. Bei der Nachfolgeserie machten es die Dänen übrigens besser und stellten die Schilde aus Kunststoff her – sieht sogar gleich viel besser aus, als wenn die Ritter mit ihrem flachen Stück Pappe in der Hand in die Schlacht ziehen.

Irgendetwas zwischen Kriegsbemalung und steinzeitlicher Kunst: So ließen sich vielleicht die Muster auf den Torsos der Ritter beschreiben. Setzt zwar ein paar schöne Akzente im Design, aber was die Schnörkellinien so ganz sollen, erschließt sich trotzdem nicht. Unsere Recken sehen dadurch noch viel mehr wie aus wie einer kindlichen Fantasy-Welt entsprungen und nicht wie echte Ritter – wären angedeutete Nähte und Schrauben nicht naheliegender gewesen? Aber immerhin: Alle Muster sind aufgedruckt – mühselige Stickerkleberei blieb damit erspart.

Auch nicht uninteressant: Der Umhang von König Mathias. Der ist erstaunlich gut genäht und fühlt sich zudem sogar sehr kuschlig an. Aber nur deswegen aus dem Set gleich eine Limited Edition machen? Im Ernst, wüsste man nicht, dass der Umhang zu einem LEGO-Set gehört, man könnte ihn glattweg für einen Lappen oder ein Staubtuch halten.

Ganz passabel gelungen sind die Gesichter, die mit den großen Augen ein bisschen an Mangas erinnern. Teilweise schauen diese aber auch (mit Ausnahme Rascus‘ verschmitzter Miene) ziemlich verkrampft und ausdruckslos aus – und bis auf Vladek fehlt bei allen die Nase (aber hey, welche LEGO-Figur hatte schon je eine Nase?). Und so rot wie Vladeks Augen sind, würde ich mir in seinem Fall ernsthaft Sorgen um eine mögliche Entzündung machen.

Schick sind auch die Schwerter, die vor allem für Fans von BIONICLE ein Highlight gewesen sein durften. Wer nämlich gerne eigene Figuren gebaut hat, bekam hier gleich fünf neue Ausrüstungsteile für seine eigenen Kreationen. Nettes Detail: Jedes Schwert spiegelt so ein bisschen auch die Persönlichkeit der Ritter wider. So ist Santis‘ Schwert klobig und stark, während das von Jayko schnittig und agil daher kommt und Vladeks an eine lodernde Flamme angelehnt ist.

Allein bei der Ausrüstung von König Mathias hat man ein wenig Teilerecycling betrieben und ihm einfach das Schwert und die Schildform von Jayko in die Hand gedrückt – aber vielleicht ja eine Anspielung darauf, dass (Achtung Spoiler!) er mal die Krone von ihm übernehmen wird.

Wer die Ritter in den Vereinigten Staaten erwerben konnte, durfte sich neben lauter neuen Teilen auch über drei (Normalsterbliche) oder sogar sechs (Target-Kunden) Sammelkarten freuen. Und ein bisschen ärgert man sich als Europäer dann schon, dass es die nie auf dem heimischen Markt zu kaufen gab. Die ebenfalls von Mike Rayhawk designten Karten sind nämlich ansehnlich gestaltet und enthalten sogar einige Informationen über das Königreich und die Vorgeschichte der Ritter. Nur jene, auf denen Jayko und Rascus mit ihren Fähigkeiten vor Mädels prahlen, die hätte man sich schenken können.

Die Funktionen

Actionfiguren sind ja immer ganz schön zum Sammeln – aber nur rumstehen und zustauben wird dann ja auch irgendwann langweilig. Darum hat LEGO seine bunten Recken mit ein paar Funktionen ausgestattet. Am spannendsten davon dürfte wohl noch das Rädchen am Rücken jedes Ritters sein. Ein Schwenk nach unten schon schnellt der linke Arm in die Höhe. Der Sinn dahinter: Die Ritter können sich duellieren und sich mit der Hebefunktion gegenseitig die Schilde abschlagen. So wirklich funktionieren tut dies aber nicht – dafür ist die Schlagkraft beim Hebemechanismus einfach viel zu gering. Man müsste die Ritter schon als Schlaghammer zweckentfremden und mit brachialer Gewalt draufkloppen, um die Schilde irgendwie abzubekommen.

Durch die Einrastschlüssel sind die Ritter zwar weniger flexibel als die aus Kugelgelenken bestehenden BIONICLE-Figuren, dennoch konnte man mit ihnen eine Reihe verschiedener Posen und teils wirklich ungesunder Verrenkungen einnehmen – unsere Helden sind eben nicht nur modische Trendsetter, sondern auch gelernte Schlangenmenschen und Zirkusakrobaten.

Nicht zuletzt ließen sich bei allen Rittern die Visiere hochklappen. Die rutschen dank der kleinen Ansteckpins auch nicht wieder runter und bleiben so auch beim ungestümen Spielen oben. Auf diesen Spaß verzichten muss man allerdings bei König Mathias. Aber wer braucht schon aufklappbare Visiere, wenn er eine Krone und einen Umhang hat?

Die fertigen Sets

Ritter sind cool – aber ob man das auch von diesen Regenbogen-Recken behaupten kann? Dafür hakt es bei diesen Sets einfach an viel zu vielen Stellen. Problem eins: Sie sind einfach zu starr. Vielleicht war es ja nicht LEGOs beste Idee, auf die Einrastschlüssel statt auf die Kugelgelenke zu setzen. Klar, die Ritter mögen dadurch zwar festen Stand haben und auch einige außergewöhnliche Posen einnehmen, aber die Flexibilität des Kugelgelenksystems bleibt dennoch unerreicht. Und kommt es bei Actionfiguren nicht genau darauf an – möglichst viel Spielspaß bieten? Kann man mit den BIONICLE-Sets nahezu jeden Kung-Fu-Trick ganz geschmeidig und weich nachstellen, wird beim Kloppen mit den Rittern die geringe Flexibilität und das nervige Klickgeräusch schnell frustrierend.

Hinzu kommt: So richtig nach Ritter sehen unsere Recken nicht aus. Einfach zu schlaksig und dürr sind sie geworden – und wo sind eigentlich Brust- und Schulterpanzer? Die Knights Kingdom II-Ritter wirken viel mehr wie Nussknacker, denen man ein Power Rangers-Kostüm übergestreift hat.

Womit wir bei Problem zwei wären: Die Farben. Weit verbreitet sind ja zwei Vorstellungen vom Mittelalter. Einmal die vom dunklen, düsteren Zeitalter voller Gewalt und Tod und auf der anderen die vom hellen, farbenfrohen mit seinen prächtigen Darstellungen in alten Liederbüchern und prunkvollen Wappen. Dabei trifft weder das eine noch das andere so hundertprozentig zu. Wenn LEGO seinen Rittern also ein wenig Farbe verpasst, ist daran zunächst nichts auszusetzen. Tatsächlich trugen Ritter damals sehr farbenfrohe Kleidung und auch die Literatur ist voll von bunten Recken – beispielsweise in dem jüngst verfilmten Gawein and the Green Knight und auch im Artusroman Wigalois begegnet ein roter Ritter.

So wie LEGO das hier aber macht, ist eindeutig zu viel des Guten. Es fehlen allerhand silberne, goldene, kupferne Elemente, die ein wenig Ruhe ins Farbdesign bringen. Am authentischsten wirkt hier noch Vladek in seiner schwarzen Rüstung – die anderen haben eher etwas von bärtigen Männern in Teletubby-Stramplern.

Es stellt sich zudem die Frage, was denn überhaupt Sinn und Zweck dieser Actionfigur-Ritter war, wenn später eh noch Spielsets herauskamen? Wozu brauchte man schlaksige Zinnsoldaten, wenn man die Abenteuer von Jayko und Co. auch in Minifiguren-Variante nachspielen konnte – und dazu noch mit Schloss, Festung und allen Kulissen, die man sonst noch benötigt? Hier sind die Dänen wohl einfach auf den Actionfiguren-Geschmack gekommen. BIONICLE lief erstaunlich gut, also warum das Erfolgsrezept nicht bei der Castle-Reihe versuchen: Schmeiß‘ sechs Figuren auf den Markt, allesamt bunt, zum Sammeln und zum Spielen.

Ganz so einfach ließ sich der Erfolg von BIONICLE aber nicht wiederholen und der Hauptgrund dafür: Die Ritter sind einfach nicht erweiterbar – dafür sind die Teile zu speziell. BIONICLE war eben mehr als nur eine Sammelfigurenserie. Es hatte mit der Zeit ein gänzlich neues Inventar an Teilen kreiert, die dem Grundprinzip von LEGO jedoch treu blieben: Dir gefällt dein Set nicht? Kein Beinbruch, verändere es einfach, kombiniere verschiedene Figuren zu einer noch größeren Figur, tausche Masken und Schwerter mit deinen Freunden und baue dir die Helden deiner Träume.

Bei den Rittern war das nie in dem Ausmaß möglich – es fehlte der Pool an entsprechenden Teilen. Man stelle sich aber nur vor, es hätte Erweiterungspacks mit Schwertern, Schilden, Helmen, Torsos gegeben, verschiedene Rittertypen vom gepanzerten Reiter und Knappen bis hin zu Speermeistern und Bogenschützen – wer weiß, vielleicht wäre uns Knights Kingdom II heute nicht als die wohl schlechteste Castle-Reihe aller Zeiten in Erinnerung.

Das Vermächtnis von LEGO Knights Kingdom II

Man kann Knights Kingdom II leicht als eine unbedeutende kleine Episode aus LEGOs langer Produktgeschichte abschreiben – und in einigen Punkten mag man damit Recht behalten. Bei genauerem Hinsehen wird man aber auch merken: Der Einfluss der Reihe auf LEGOs heutiges Produktsortiment hält bis heute an. Tatsächlich kann man bei Knights Kingdom II am ehesten von einer ersten Etappe auf LEGOs langem Weg zu der Firma sehen, die sie heute ist.

Eine der größten Innovationen, die die Serie brachte, war dabei das Story-basierte Spielen. Nachdem mit BIONICLE Spielsets aus Billund erstmals von einer Geschichte begleitet waren, wandte LEGO das Prinzip erstmals auf eine klassische System-Reihe an. Entscheidend war vor allem, wie die Dänen diese Erzählwelt ausgestalteten: Eine Gruppe von Helden (meist vier) in bunten Klamotten, alle mit unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen, im Dienst eines weisen Lehrmeisters, die es mit bösen Kräften aufnehmen. Ob sie nun Jayko, Santis, Rascus, Danju, König Mathias oder Hikaru, Takeshi, Ryo, Ha-Ya-To, Keiken wie bei Exo-Force oder Kai, Jay, Zane, Cole, Sensei Wu wie bei Ninjago heißen: Das Prinzip hat sich bewährt und wurde zu LEGOs Standardformel für Story-basierte Spielreihen.

Und nicht zuletzt blieben uns auch die Actionfiguren als Begleiter der Standardsets erhalten: Man denke nur an die baubaren Chima- oder Super Heroes-Figuren zurück. In der Exo-Force-Reihe drehte sich schließlich sogar die ganze Themenwelt um Actionfigur-artige Mechs.

So prägend die Modelle für LEGOs heutiges Produktportfolio waren, die Sets selbst waren eher ein Flop und hielten sich nicht länger als die ursprünglich veranschlagten drei Jahre. Dabei waren die Nachfolgewellen durchaus vielversprechend. 2005 bekamen die Recken endlich Rüstungsteile, was ihnen einen deutlich robusteren und kräftigeren Look verlieh. Und auch die Farbwut hielt sich in Grenzen: Silberne und goldene Panzerungen dominierten von nun an.

Ein Jahr später dann eine Art Reboot: Die alte Truppe wurde in den Ruhestand geschickt und neue Helden und Schurken standen im Mittelpunkt. Und siehe an: Endlich schauten die mal nach Rittern aus. Wer weiß, was noch gekommen wäre, wenn die Reihe ab da nicht eingestellt worden wäre.

Diese Wandlungsfähigkeit hätte man sich gerne auch von der Story gewünscht. Jahr für Jahr hieß es da: Vladek heckt was aus, die Ritter werden auf Abenteuerreise entsandt und der Schuft besiegt. Originell geht anders.

Nur ein Jahr nach seiner Absetzung wurde Knights Kingdom II übrigens schon von der nächsten Mittelalter-Themenwelt abgelöst: Dem heute als „Fantasy Era“ bekannten Castle. Erstaunlich dabei, wie radikal LEGO alles über Bord geworfen hat, was man an Knights Kingdom II noch erprobte. Zurück zu den Wurzeln klassischer Ritterreihen hieß die Devise. Story? Braucht keiner! Bunte Ritter? Raus! Namen? Weg!

Bis heute haftet Knights Kingdom II so der fade Beigeschmack eines gescheiterten Experiments an und man hat den Eindruck, LEGO tut alles, um dieses unrühmliche Castle-Kapitel unter den Teppich zu kehren. Doch andererseits darf man nicht vergessen: Reihen wie die der bunten Ritter sind direkte Ahnen heutiger Verkaufsschlager wie Ninjago. Und ein bisschen trauert man dann doch, dass es so eine lächerliche Idee wie Ninjas in Kampfjets zu so viel Ruhm gebracht hat, aber Rittern nie so recht die Versöhnung mit den Trends der 2000ern gelang.

16 Kommentare zu „Die tapferen Ritter von Morcia: LEGO Knights Kingdom II Figuren im Classic Review“

  1. Sehr interessant, vielen Dank. Dieses Themengebiet ist zwar weder meine Welt noch trifft es meinen Geschmack. Aber mir gefällt es, wenn sich jemand einem Thema gleichermaßen mit Fachwissen und Enthusiasmus widmet. Da kommt dann ein Artikel wie dieser heraus: informativ und kurzweilig.

  2. Sehr schöner Artikel!!!
    Im Gegensatz dazu sind die Sets ja gruselig, hätte da nirgendwo Lego drauf gestanden, hätte ich gedacht, das wäre billigster Nachbau, um bloß keine Minifiguren Klagen einzufahren.
    Weiterhin gefallen mir die 80er bei den Rittern mit der Modularität am besten, dachte ich würde im Zweifel alles aus dem Bereich mögen, aber hier hört es wirklich auf ^^

    1. Ja, da hast du nicht Unrecht. Wie im Artikel beschrieben, steht Ninjago in der Tradition solcher Story-basierter Themenreihen und wurde von seinen zahlreichen Vorgängerserien inspiriert. Typisch für diese ist meist immer eine Gruppe von Helden, von denen jeder Kleidung oder Rüstung in einer bestimmten Farbe trägt und eine besondere Fähigkeit oder Charaktereigenschaft aufweist.

  3. Ein toller Artikel, diese Jahre und das Thema sind völlig an mir vorbei gegangen. Allerdings finde ich diese Figuren wirklich nicht ansprechend. Gerne mehr von solchen Informationen! Man lernt bei Euch immer wieder etwas Neues über sein Hobby.

  4. Diese langen, tiefgehenden und klugen Texte zu eher unbekannten Themenwelten sind wirklich toll. Knights Kingdom II kann man aber eigentlich nicht ohne die normalen System-Spielsets beurteilen. Und die sehen eigentlich ganz ordentlich aus.

    Außerdem drängt sich der Vergleich zu Nexo Knights geradezu auf: Themen- und Charakterbasiert, bunt, whacky, hochgradig kontrovers

    1. Vielen Dank für die lieben Wort! Stimmt, die System-Sets waren tatsächlich nicht schlecht. Gerade die 8781 Große Ritterburg von Morcia hatte ein paar schöne Spielfunktionen und kann meiner Meinung nach mit den klassischen Burgen aus den 80ern und 90ern durchaus mithalten.

  5. Und ich habe die alle letztens weggeschmissen, weil ich die im Keller gefunden habe und die Teile so bröselig waren, dass ich keine Rettung mehr darin sah.. schade

  6. Knights Kingdom II war für mich eine der Besten Lego Reihen. Ich verbinde eine sehr schöne Kindheit damit. Gerade die aller erste Welle an Sets hat mich immer begeistert und tut es heute noch.

    1. Da ging es mir lange Zeit ähnlich. Als Kind habe ich fast jedes Set besessen, die Flash-Games auf der Knight Kingdom II-Webseite rauf und runter gespielt und kannte die ganze Geschichte auswendig. Knights Kingdom II ist wie BIONICLE untrennbar mit meiner Kindheit verbunden. Jetzt, wo man erwachsen ist, hat man jedoch einen anderen, kritischeren Blick auf die Reihe. Die schönen Erinnerungen an den vielen Spielspaß wird es mir dennoch nicht zunichtemachen. 🙂

  7. Was gelernt und dabei gelacht, toller Artikel.

    Die Sets waren sehr hit-and-miss… Das eine Turm war fabelhaft von den Spielfunktionen her, das Königschloss war aber sehr lau. Ich hatte es damals als Kind am selben Tag des erste Aufbaus umbegaut. Durch den Fokus auf die Hauptfiguren fehlte es sehr an „normale“ Ritter, Burgfrauen, usw.
    Vladek’s Schloss war zu teuer für mich, bewundert hatte ich es aber sehr.

    1. Lieben Dank, freut mich, dich ein bisschen zum Lachen gebracht zu haben. 🙂

      Die Sets sind tatsächlich um Wellen besser als die Ritterfiguren. Ich fand die Burg aber im Gegenteil sehr spaßig: Das Umstellen von Gut auf Böse und die zahlreichen kleinen Räume waren echt toll – das Highlight war aber unbestritten die riesige Baseplate. Vladeks Schloss war für mich auch immer ein Traum gewesen – so weit ich informiert bin, ist das (von der neuen Icons Löwenburg abgesehen) die größte LEGO-Burg, die je auf den Markt kam.

  8. Naja, trotz meine Kontorsionismus-Fetisch muss ich das behaupten, die Figuren waren beiderlei als baubare Figuren und als Action-Figuren missgelungen. Tja, die Spielsets waren fair, an mindesten. Guter Artikel.

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